Gabriela Winkler, zurück von der Insel, auf Trab und «am Draht». (füm)

Samstag, 24. August 2002

OBERGLATT / Kantonsrätin Gabriela Winkler macht Expo-Expérience der anderen Art

Ich habe mit relativem Schrecken entdeckt, wie schön die Welt ist», sagt Gabriela Winkler, FDP-Kantonsrätin aus Oberglatt.

Markus Fürst

Die Sonne, der Wind, das Spiel des Lichts auf dem Wasser, das hat mich sehr berührt. Einfach all die schönen, kleinen, einfachen Dinge, die bei all der alltäglichen Hetzerei verloren gehen.»
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Gabriela Winkler war reif für die Insel – l’île, wie sie sie in der Landessprache jener Region für sich genannt hat. Im Rahmen eines Expo-Projekts von Radio Suisse Romande liess sie sich für 48 Stunden in insularische Isolationshaft nehmen. Die Insel – das ist ein so genanntes Palafitte-Modul bzw. eine Expo-Hotel-Einheit, wie sie bei der Neuenburger Arteplage verwendet wird, eine grosszügige, komfortabel eingerichtete Wohneinheit mit Doppelbett, Wohnecke mit Sofa und Fauteuils, Küche, Bad und einer riesigen Terrasse. Alles in allem etwa 60 bis 80 Quadratmeter, wie Gabriela Winkler schätzt. Was ihr Modul von jenen des Expo-Hotels unterscheidet: Ihres wurde isoliert im Neuenburgersee verankert, etwas mehr als einen Kilometer ab Ufer.

Seit der Eröffnung der Landesausstellung bis zu ihrem Ende schickt das Westschweizer Radio Personen mittlerer Prominenz, also nicht gerade eine Dreifuss oder einen Polo Hofer, für 48 Stunden ins Exil. Umweltschützer Franz Weber oder Medienmacher Jacques Pilet («Nouveau Quotidien», Ringier) etwa waren vor Gabriela Winkler auf der Insel, die Expo-Köpfe Nelly Wenger und Martin Heller werden zum Abschluss noch folgen.
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Die Idee hinter dem Projekt: Was passiert mit stark engagierten, stresserprobten Leuten, wenn man sie auf sich selbst zurückwirft? Und ihnen den Draht zur Welt, in der sie so eminent wichtig sind und permanent erreichbar sein müssen, kappt. Bedingung ist nämlich, dass die 48 Stunden auf der Insel ohne Uhr, Natel, Radio, TV, Zeitung, Computer, Internet und Mail zugebracht werden. Beim Buch würde allenfalls einmal ein Auge zugedrückt, so Gabriela Winkler, die aber auch dieses auf dem Festland zurückgelassen hat. Weitere Bedingung und einziger Kontakt mit der Aussenwelt: Zweimal am Tag, egal zu welcher Zeit, muss man sich über das inseleigene Radiostudiöchen beim Radio melden und der Welt etwas mitteilen. Die laufende Sendung wird dann innert 15 bis 30 Minuten unterbrochen und die Durchsage eingespielt.
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«Nach der Ankunft um 11 Uhr habe ich erst mal den Koffer abgeladen und den Kühlschrank geräumt», gibt die von ihrem Natel sonst ständig begleitete Kantonsrätin zu Protokoll. Dann habe sie eine erste Serie Fotos von ihrer vorübergehenden Bleibe und dem gewaltigen Panorama geschossen. «Und dann habe ich erst mal vier Stunden geschlafen auf der Terrasse – den Alltag weggeschlafen.» Der Fotoapparat, ein Malblock und zwei Schulhefte zum Schreiben waren die einzigen «Medien», die sie sich zu Begleitern gemacht hat. Sie sind allesamt zum Einsatz gekommen. Ein Schattenspiel, das sich auf der Terrasse abspielte, fand den Weg aufs Papier, ebenso ein philosophisch angehauchtes Gedankenspiel über «obligation» (Verpflichtung) und «résponsabilité» (Verantwortung), über das sie sich später auch beim Radio vernehmen liess.
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Und dann kam es auf der einsamen Insel doch noch zu einer Begegnung: Die kleine Lela tauchte auf, das Mädchen Gabriela, das diesen Namen seiner jüngeren Schwester verdankt. Lela hatte sich eingeschlichen, als Kantonsrätin Winkler über das Thema «Frauen in der Schweiz» nachdachte und über das weibliche Übernehmen von Verantwortung für andere, aber nicht für sich selbst. Oder zu dem Zeitpunkt, als Mutter Gabriela über dem Thema «Begleiten der eigenen Tochter (13) beim Erwachsenwerden» mit sich zu Gerichte ging. Cervantes ging ihr durch den Kopf, der geschrieben habe, man solle das Leben lang das kleine Kind, das man einmal war, an der Hand führen. Die Stille beim Alleinsein mit sich selbst hat manche Erinnerung geboren.

Das Natel tut aufdringlich, und Gabriela Winkler lässt sich ergeben drängen. Sie ist zurück auf dieser Welt. Sommerferien hatte sie keine, ausser diesen zwei Tagen auf der Insel. Trotzdem fühlt sie sich «völlig aufgepowert». Das kann sie wohl brauchen, warten doch nun Werben und Weibeln mit den kantonalen Komitees für das Energiemarktgesetz und den Gegenentwurf des Bundesrates zur Goldinitiative. Und wie war das mit dem «relativen Schrecken» und den «schönen, kleinen, einfachen Dingen»? Vielleicht sogar Rücktrittsgelüste? «Nein, das geht nicht. Ich bin erst seit drei Jahren im Kantonsrat und habe mich für mindestens zwei, maximal drei Amtsperioden verpflichtet», sagt Gross Gabriela, lehnt sich zurück, Blick in die Wolken, von wo Klein Lela zurückzuwinken scheint, und sagt verträumt: «Aber es war eine wunderbare Erfahrung.»

 

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